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Schweinemarkt unter Druck: Was verlieren wir, wenn immer mehr Betriebe aufgeben?  


Erzeugerpreise erneut auf sehr niedrigem Niveau .


Wenn die heimische Schweinehaltung zurückgeht, verschwindet der Schweinefleischkonsum nicht automatisch. 


Der Schweinemarkt in Österreich und Deutschland steht weiterhin unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. 


In Österreich lag der Basispreis für Mastschweine Ende Juni 2026 noch bei 1,51 Euro je Kilogramm. Anfang Juli fiel er auf 1,44 Euro je Kilogramm. Gleichzeitig sank auch der Ferkelpreis deutlich. Branchenvertreter berichten von einer Unterdeckung in der Schweinemast und von wachsenden Existenzängsten auf den Betrieben.[1] 


Auch in Deutschland wurde die maßgebliche VEZG-Notierung Anfang Juli um zehn Cent auf 1,40 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht abgesenkt.[2] 


Zum Vergleich: Der niederösterreichische Basispreis lag Ende Juni 2025 noch bei 2,06 Euro je Kilogramm. Ende Juni 2026 waren es nur noch 1,51 Euro. Das entspricht einem Rückgang von rund 27 Prozent innerhalb eines Jahres.[1] 


Steht der Schweinemarkt „auf der Kippe“? 


Die Formulierung ist zugespitzt, aber nicht unbegründet. 

Nicht die Versorgung mit Schweinefleisch wird von heute auf morgen zusammenbrechen. Gefährdet ist jedoch zunehmend die vielfältige und regional verankerte Schweinehaltung. 


Aus Sicht der Gesellschaft Zukunft Tierwohl geht es dabei ausdrücklich nicht darum, die heutige Schweinehaltung in Österreich als ausreichend tiergerecht darzustellen. Viele gesetzliche Mindeststandards halten wir weiterhin für nicht ausreichend. Sorge bereitet uns vielmehr, dass gerade jene Betriebe, die in bessere Haltungsbedingungen investieren oder investieren möchten, durch den wirtschaftlichen Druck zunehmend ausgebremst werden.


Am 1. Dezember 2025 wurden in Österreich rund 2,48 Millionen Schweine gehalten. Das waren um 2,2 Prozent beziehungsweise rund 55.400 Tiere weniger als ein Jahr zuvor.[3] 

Auch in Deutschland setzt sich der Strukturwandel fort.[4] 

Ein kurzfristig stabiler oder sogar leicht steigender Tierbestand darf deshalb nicht mit einer stabilen bäuerlichen Struktur verwechselt werden. In Deutschland stieg der Schweinebestand im Vergleich zum Vorjahr zuletzt leicht, während die Zahl der Betriebe weiter sank.[4] 


Was geschieht, wenn immer mehr österreichische Schweinebetriebe aufgeben?

 

1. Die Abhängigkeit von Importen steigt 

Der Selbstversorgungsgrad Österreichs bei Schweinefleisch lag 2024 bei 100 Prozent. Die heimische Erzeugung entsprach damit rechnerisch ungefähr der inländischen Verwendung.[5] 

Das bedeutet allerdings nicht, dass nur österreichisches Schweinefleisch konsumiert wird. Im Jahr 2024 wurden sowohl erhebliche Mengen an Schweinefleisch importiert als auch exportiert.[5] 

Geht die heimische Produktion dauerhaft zurück, muss ein größerer Teil des Bedarfs durch Ware aus anderen Ländern gedeckt werden. Die Regale bleiben aufgrund des europäischen Binnenmarktes voraussichtlich weiterhin gefüllt. Herkunft, Produktionsbedingungen und Krisenfestigkeit liegen dann jedoch zunehmend außerhalb des österreichischen Einflussbereichs. 


2. Regionale Wertschöpfung geht verloren 

Mit jedem aufgegebenen Schweinebetrieb gehen nicht nur Tierplätze verloren. Betroffen sind auch vor- und nachgelagerte Bereiche wie: 

  • Ferkelerzeugung  

  • Futtermittelwirtschaft  

  • Tierärztinnen und Tierärzte  

  • Transporte  

  • Schlachtung und Zerlegung  

  • Fleischverarbeitung  

  • regionale Arbeitsplätze  

Sinkt das regionale Tieraufkommen dauerhaft, können Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe ihre Kapazitäten möglicherweise schlechter auslasten. In weiterer Folge könnten Standorte verkleinert oder geschlossen werden. 

Dadurch könnten Transportwege länger und die verbleibenden Betriebe stärker von wenigen Abnehmern abhängig werden. Dabei handelt es sich um mögliche wirtschaftliche Folgen einer fortschreitenden Konzentration, nicht um eine bereits exakt prognostizierte Entwicklung. 


3. Die Produktion konzentriert sich auf weniger Betriebe und Regionen 

Wenn vor allem kleinere und mittlere Familienbetriebe aussteigen, verschwindet die Schweineproduktion nicht zwangsläufig vollständig. 

Ein Teil der Produktion kann von größeren Betrieben übernommen oder in andere Länder und Regionen verlagert werden. Der deutsche Zehnjahrestrend zeigt diese Entwicklung deutlich: Die Zahl der Betriebe ist stark gesunken, während die durchschnittliche Zahl der Tiere pro Betrieb gestiegen ist.[4] 

Das bedeutet nicht, dass größere Betriebe grundsätzlich schlechtere Tierwohlbedingungen bieten. Eine vielfältige Landwirtschaft mit vielen regionalen Betrieben, unterschiedlichen Haltungssystemen und kurzen Wegen wird dadurch jedoch schwieriger aufrechtzuerhalten. 


4. Investitionen in mehr Tierwohl werden erschwert 

Mehr Platz, Zugang zu Frischluft und natürlichem Licht, Beschäftigungsmöglichkeiten sowie Maßnahmen zur Vermeidung von Leid und Schmerzen verursachen Investitionen und laufende Mehrkosten. 

Genau hier setzen die Richtlinien der Gesellschaft !Zukunft Tierwohl! an: Sie definieren strengere Anforderungen gegenüber dem gesetzlichen Mindeststandard und sollen die Haltungsbedingungen landwirtschaftlich genutzter Tiere nachhaltig verbessern.  

Wenn Betriebe mit jedem Mastdurchgang Verluste schreiben oder keine ausreichende Planungssicherheit haben, werden Stallumbauten häufig aufgeschoben. Kredite werden nicht aufgenommen, notwendige Investitionen unterbleiben oder mögliche Hofnachfolgerinnen und Hofnachfolger entscheiden sich gegen die Weiterführung des Betriebs. 

Der Preisverfall gefährdet somit nicht nur einzelne Betriebe, sondern auch die praktische Weiterentwicklung höherer Tierwohlstandards. 


5. Österreich verliert Einfluss auf die Produktionsbedingungen 

Ein sinkender Fleischkonsum kann grundsätzlich auch zu einer kleineren Tierhaltung führen. Entscheidend ist jedoch, wie diese Veränderung erfolgt. 

Sinkt der Konsum und bleibt gleichzeitig eine stabile Nachfrage nach klar gekennzeichneten, heimischen Produkten mit überprüfbaren Tierwohlstandards bestehen, kann ein geordneter Umbau hin zu weniger Tieren unter besseren Bedingungen gelingen. 

Fällt hingegen hauptsächlich der Erzeugerpreis, während günstigere Ware aus anderen Ländern vermehrt im Handel, in der Gastronomie und in der Verarbeitung eingesetzt wird, wird Tierhaltung nicht unbedingt verbessert. Sie wird möglicherweise lediglich verlagert. 

Damit nimmt auch die Möglichkeit ab, Haltung, Transport und Schlachtung durch österreichische Standards und Kontrollen direkt mitzugestalten. 




Was keine nachhaltige Lösung wäre 

Eine staatlich oder privat finanzierte Keulung gesunder Ferkel zur kurzfristigen Reduktion des Angebots wäre aus Sicht des Tierwohls keine tragfähige Antwort. Mit einer gewissen Vorlaufzeit wäre es machbar, Trächtigkeiten von Zuchtsauen anders zu planen. Dies entsprechend zu subventionieren, dass die Sauen nicht belegt werden, anstatt Lebewesen zu töten.  

Tiere würden damit zu einem Instrument der Preisregulierung gemacht. Die grundlegenden Ursachen der Krise blieben jedoch bestehen: 


  • fehlende Planungssicherheit  

  • starke kurzfristige Preisschwankungen  

  • unzureichende Abstimmung zwischen Produktion und Absatz  

  • eine schwache Verhandlungsposition vieler Erzeuger  

  • fehlende dauerhafte Finanzierung höherer Tierwohlstandards  


Auch ein allgemeiner gesetzlicher Mindestpreis wäre für sich allein nicht automatisch die Lösung. Ohne eine Abstimmung von Produktion und Nachfrage, transparente Herkunftsangaben und gesicherte Absatzmöglichkeiten könnte ein Mindestpreis unerwünschte Folgen haben. Abnehmer könnten etwa verstärkt auf günstigere Importware ausweichen. 


Wie kann gegengesteuert werden? 


Verbindliche und längerfristige Abnahmeverträge 

Landwirtschaftliche Betriebe brauchen nicht nur kurzfristige Unterstützungszahlungen, sondern kalkulierbare Erlöse und Planungssicherheit. 

Handel, Verarbeitung und Tierwohlprogramme sollten längerfristige Abnahmevereinbarungen mit nachvollziehbaren Preisen oder Zuschlägen anbieten. Diese müssen die tatsächlichen Mehrkosten für Stall, Arbeit, Fütterung und Tierwohl berücksichtigen. 


Tierwohlleistungen vollständig abgelten 

Ein Tierwohlzuschlag erfüllt seinen Zweck nur dann, wenn er die zusätzlich entstehenden Kosten tatsächlich abdeckt. 

Mehr Platz bedeutet beispielsweise, dass weniger Tiere im vorhandenen Stall gehalten werden können. Außenklimabereiche, Frischluft, Einstreu oder zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten erfordern Investitionen und laufenden Arbeitsaufwand. 

Tierwohlprogramme müssen deshalb transparent beantworten: 

Welche Mehrkosten entstehen – und wer übernimmt diese dauerhaft? 


Lückenlose und verständliche Herkunfts- und Haltungskennzeichnung 

Im Lebensmitteleinzelhandel ist die Herkunft von Fleisch teilweise gut sichtbar. In Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und verarbeiteten Lebensmitteln fehlen entsprechende Informationen jedoch häufig oder sind für Konsumentinnen und Konsumenten schwer nachvollziehbar. 

Benötigt werden klare Angaben darüber, wo ein Tier: 

  • geboren,  

  • aufgezogen,  

  • geschlachtet  

  • und verarbeitet wurde. UND  

  • wie es gelebt hat 

Nur durch Transparenz können sich Konsumentinnen und Konsumenten bewusst für heimische Produkte und überprüfbare Tierwohlstandards entscheiden. 


Öffentliche Beschaffung als verlässlichen Absatzmarkt nutzen 

Schulen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, öffentliche Kantinen und andere Gemeinschaftsverpfleger können langfristig stabile Absatzmöglichkeiten schaffen. 

Bei Ausschreibungen sollten daher überprüfbare Kriterien für Tierwohl, Qualität, Nachhaltigkeit und kurze Lieferketten stärker berücksichtigt werden. Die Vorgaben müssen mit dem europäischen Vergaberecht vereinbar und sachlich begründet sein. 


Umbau statt Betriebsaufgabe fördern 

Förderungen sollten besonders jene Betriebe unterstützen, die ihre Haltungssysteme weiterentwickeln und in verbesserte Tierwohlbedingungen investieren. 

Dabei reicht es nicht, lediglich einen Teil der Baukosten zu übernehmen. Auch laufende Mehrkosten und Übergangsphasen müssen berücksichtigt werden. Während eines Stallumbaus oder bei einer Verringerung der Tierzahl entstehen häufig Einkommensverluste, bevor höhere Erlöse aus einem Tierwohlprogramm erzielt werden können. 


Die Position der Erzeuger stärken 

Einzelne Familienbetriebe können gegenüber großen Abnehmern nur eingeschränkt verhandeln. 

Erzeugergemeinschaften, längerfristige Kooperationen, gemeinsame Vermarktung und ein besserer Zugang zu aktuellen Marktdaten können ihre Verhandlungsposition stärken. Dadurch können Preise, Mengen und Qualitätsanforderungen verlässlicher abgestimmt werden. 


Produktion und Absatz langfristig aufeinander abstimmen 

Die Produktionsmengen müssen früher und besser an die tatsächliche Nachfrage angepasst werden. 

Das bedeutet nicht, bereits geborene Tiere kurzfristig „aus dem Markt zu nehmen“. Vielmehr müssen Belegungsentscheidungen, Ferkelerzeugung, Mastkapazitäten, Schlachtmengen und Absatzprogramme vorausschauend geplant werden. 

Dafür sind verlässliche Marktdaten und verbindliche Vereinbarungen zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel notwendig. 


Das gesamte Tier besser vermarkten 

Ein Schwein besteht nicht nur aus Schnitzel, Filet und Grillfleisch. 

Eine wirtschaftlich und ethisch verantwortungsvolle Fleischproduktion erfordert eine möglichst vollständige Nutzung und Vermarktung des Tieres. Gastronomie, Verarbeitung, Handel und Konsumentinnen und Konsumenten können dazu beitragen, auch weniger stark nachgefragte Teilstücke sinnvoll zu nutzen. 

Eine bessere Ganzkörperverwertung erhöht die Wertschöpfung und kann den Preisdruck auf einzelne besonders gefragte Teilstücke verringern. From nose to tail sollte es lauten.  


Unser Fazit 


Wenn die heimische Schweinehaltung zurückgeht, verschwindet der Schweinefleischkonsum nicht automatisch. 

Die Produktion kann sich stattdessen in größere Strukturen oder in andere Länder verlagern. Damit verliert Österreich möglicherweise regionale Wertschöpfung, Versorgungssicherheit und einen Teil seiner Möglichkeit, Tierwohlstandards direkt mitzugestalten und zu kontrollieren. 

Aus unserer Sicht braucht es daher eine ehrliche und umfassende Diskussion: 

Mehr Tierwohl braucht weniger Tiere unter besseren Bedingungen – aber auch ausreichend viele Betriebe, die diese besseren Bedingungen wirtschaftlich umsetzen können. Ein ruinöser Erzeugerpreis ist keine Tierwohlstrategie. 

Tierwohl, wirtschaftliche Tragfähigkeit und regionale Landwirtschaft dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eine nachhaltige Lösung kann nur gemeinsam mit Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Politik und Konsumentinnen und Konsumenten entstehen. 

 

Quellen und weiterführende Informationen 

[1] Landwirtschaftskammer Niederösterreich: Marktberichte und Preisentwicklung am niederösterreichischen Schweinemarkt, Juni und Juli 2026. 

[2] Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch: VEZG-Preisinfo für Schlachtschweine, 16. bis 22. Juli 2026 

Information zu den Tierwohl-Richtlinien: Gesellschaft Zukunft Tierwohl, Richtlinien und Informationsmaterialien zu verbesserten Haltungsbedingungen. 

Stand der angeführten Markt- und Bestandsdaten: Juli 2026. Die dargestellten möglichen Folgen des Strukturwandels sind fachlich begründete Einschätzungen und keine exakten Prognosen. 

 

 
 
 

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